Ein Gespräch in Zeiten von Corona über Schule aus unterschiedlichen Perspektiven, Bildungsungerechtigkeit und Projekterlernen

Ausgehend von einer kurzen Diskussion auf Twitter zum Thema Projektlernen entstand folgendes Gespräch abseits der sozialen Netzwerke von Marcus v. Amsberg (MvA), Stadtteilschullehrer, und mir, Thorsten Puderbach (TP), Gymnasiallehrer.


Lieber Marcus,

am Samstag habe ich folgenden Tweet von Dejan Mihajlović retweetet mit dem Kommentar: „Man stößt ein Projekt an.“ Recht hat er #projektlernen”. Du hast darauf entgegnet, dass Projekte die Bildungsungerechtigkeit verstärken. Magst du das aus deiner Sicht erklären?

(MvA) Gerne. Der Lehrer und Experte für digitale Bildung Dejan Mihajlovic gibt im Gespräch mit der c`t an, dass Lehrerinnen und Lehrer die Bildungsungerechtigkeit verschärfen würden, wenn sie ihren Schülerinnen und Schülern lediglich “Stapel von Aufgaben” mitgeben. Dies würde besonders die Schülerinnen und Schüler benachteiligen, die zu Hause wenig Unterstützung bekommen. Alternativ schlägt er vor, Projekte anzustoßen. Seine Schülerinnen und Schüler sollen z. B. mithilfe des Internets einen englischsprachigen Zeitungsartikel lesen, ihre Fragen und Antworten selbstständig und gemeinsam in einem kollaborativen Texteditor festhalten und diskutieren. Später reflektiert er gemeinsam mit den Lernenden den Prozess und die Ergebnisse in kleineren Gruppen in Hangouts. Er unterstütze sie dabei in allen Phasen, als Gruppe, aber auch individuell, wenn es gewünscht und nötig sei.

Die Formulierung “Stapel von Aufgaben” ist aus meiner Sicht wenig hilfreich, denn die damit suggerierte übermäßige Fülle an Aufgaben ist offensichtlich immer falsch, egal ob es sich um eine Unmenge von Projektaufträgen oder Arbeitsblättern handelt. Es ist also bestenfalls eine triviale Erkenntnis, dass übermäßig viele Aufgaben im regulären wie auch im Fernunterricht der falsche Weg sind.

Im Kern ging es Dejan Mihajlovic wahrscheinlich um die Gegenüberstellung von Unterricht mit Arbeitsblättern und der Arbeit in Projekten. Ob letztere ohne Arbeitsaufträge (eventuell auf ABs) auskommen, sei an dieser Stelle dahingestellt. Die Bildungsungerechtigkeit lässt sich meiner Meinung nach mit beiden Arbeitsformen nicht auflösen. Ich würde sogar behaupten, dass der von Dejan Mihajlovic skizzierte Ansatz in vielen Fällen die Bildungsungerechtigkeit verstärkt, insbesondere dann, wenn Schülerinnen und Schüler diese Arbeitsformen bisher nicht gewohnt sind. Hinzu kommt, dass einige Schülerinnen und Schüler kein eigenes digitales Endgerät und/oder keine stabile Internetverbindung mit ausreichend Bandbreite zur Verfügung haben. Das Arbeiten in kollaborativen Schreibdokumenten (die zudem meiner Erfahrung nach in den ersten beiden Wochen der Schulschließung wegen Überlastung kaum bis gar nicht erreichbar waren) und Google Hangouts ist damit nicht möglich. Als Sonderpädagoge habe ich besonders die leistungsschwachen Kinder im Blick. Die hohe Selbständigkeit, die Dejan Mihajlovic von seinen Schülerinnen und Schülern erwartet, kann diese Gruppe meist nicht leisten. Wenn dann auch noch fehlende Unterstützung zu Hause und fehlende digitale Endgeräte dazu kommen, ist eine Teilhabe dieser Kinder am Unterrichtsprozess nahezu unmöglich. Das verringert nicht die Bildungsungerechtigkeit, sondern verstärkt sie.

Obwohl ich mich sehr für Projektlernen einsetze, kann ich das in dieser Krisensituation eben nicht allen Kolleginnen und Kollegen empfehlen. Ich würde sogar eher dazu raten, die Form des Unterrichts beizubehalten, die vor der Schulschließung praktiziert wurde.

Aus Deiner Sicht ist Projektlernen jetzt genau der richtige Weg. Wie kommst Du zu dieser Einschätzung?

(TP) Nicht nur in der aktuellen Situationen muss Projektlernen eine Bedeutung haben.

Ich hatte kürzlich ein Gespräch mit einer Kollegin, das mich nachhaltig bewegte. Sie versuchte zwischen SuS und den LuL der Klasse zu vermitteln. Sie wollte verhindern, dass alle über die verschiedensten Kanäle an die SuS herantreten. Es funktionierte  nicht, denn verschiedene KuK wendeten sich trotz Absprachen an die Schülerinnen und Schüler, um Aufgaben zu verteilen. Sowohl die Eltern als auch die Schülerinnen und Schüler wurden zugeworfen mit Aufgaben und Material. Statt auf die Bremse zu drücken, wird 1:1 der Unterricht umzusetzen versucht. Jedes Fach ist sich selbst das Wichtigste. Das ist auf mehreren Ebenen zu kurz gedacht. Vor allem ist es ein egoistischer Gedanke, denn er berücksichtigt in keiner Weise die aktuelle Situation. Nicht selten leben Familien in der Stadt auf begrenztem Raum ohne Balkon oder Garten. Eventuell kommen noch Existenzsorgen der Eltern dazu, weil das regelmäßige Einkommen wegbricht. Das ist psychisch belastend und stellt jede Familie auf die Probe. Und dann kommen über die unterschiedlichsten Kanäle Arbeitsaufträge und Materialien!

Ich stimme dir zu, wenn du sagst, dass man den Unterricht jetzt nicht komplett ändern darf. Das überfordert die Schülerinnen und Schüler und auch die Lehrerinnen und Lehrer. Ich bin der Meinung, dass man aktuell prioritär vorgehen muss. Den Fokus auf wenige Fächer legen- von mir aus die Hauptfächer an drei Tagen in der Woche mit wenigen Stunden. An den anderen beiden Tagen bin ich für das Projektlernen!

Die Schülerinnen und Schüler haben Fragen- viele Fragen! Wir sind in einer außergewöhnlichen Situation, die auf mehreren Ebenen belastend ist. Schule kann hier nicht weitermachen wie bisher. Schule muss Raum und Zeit geben, damit die SuS sich den Fragen, die sie haben, stellen können. Dafür ist Projektlernen der beste Ansatz. Wenn du die Schülerinnen und Schüler fragst, was sie über die aktuelle Corona-Situation denken, was sie fühlen, welche Ängste sie haben, wirst du erstaunlich viele Antworten und vor allem weitere Fragen bekommen.  Diese sind für die Schüler entscheidender als das Material von Fach x oder y. Warum? Weil es für sie Sinn macht! Projektlernen gibt den Raum, um an den eigenen (komplexeren) Fragen zu arbeiten.

Wenn ich den oben aufgeführten Gedanken weiterführe, könnten sich die KuK, die keine Hauptfächer haben, mit Projektlernen beschäftigen. Sie könnten die Schülerinnen und Schüler dabei begleiten, dass ihr Projekt erfolgreich wird. Sie unterstützen, beraten und helfen, dass die Schülerinnen und Schüler – auch die Schwächeren – mit ihren Fragen und dem Projekt nicht alleine sind. Mit einer intensiven und adressatengerechten Begleitung ließe sich Projektlernen betreiben. Auch via Telefon und mit der persönlichen Materiallieferung, wie du auf Twitter schriebst, um die Bildungsungerechtigkeit nicht zu verstärken.

Damit kann man in der aktuellen Situation beginnen. Es ist ein Trugschluss zu glauben, dass Projekte immer groß sind. Projekte können sehr klein sein und in diesen können die Schülerinnen und Schülern die Methodologie erlernen. Du hast mit deinem “Verdeckt-fotografieren-Projekt” ein kleines Projekt gestartet. Die Schülerinnen und Schüler planten, führten durch und präsentierten dir das Produkt. Das sind (einige) Schritte einer entsprechenden Methodologie. Daran kannst du ansetzen und Projektlernen voranbringen.

Findest du nicht auch, dass Projektlernen und damit das Arbeiten an eigenen Fragen aktuell von Bedeutung ist? Auch vor dem Hintergrund, dass die Schülerinnen und Schüler sich mit Fragen und Themen beschäftigen, die Ihnen zu Hause nicht beantwortet werden bzw. werden können? 

(MvA) Bevor ich auf deine Frage eingehe, will ich etwas zu dem aktuell häufig bemühten Bild einer Lehrkraft eingehen, die Schülerinnen und Schüler geradezu mit Arbeitsblättern, Arbeitsheften oder Schulbüchern erschlägt. Dieses Bild ist so schön einleuchtend, weil sich die genannten Medien gut zum Schlagen, Überschütten und Begraben eignen. Unweigerlich kommt die Erinnerung an ein Zitat von Gerhard Schröder hoch: “Lehrer sind faule Säcke”. In den sozialen Medien erlebt dieses Lehrerbild gerade wieder eine Renaissance. Arbeitsblätter liegen doch eh digital vor, Scans von Schulbüchern sind schnell gemacht und mit einem Klick bei den Lernenden. Lehrkräfte haben dann eigentlich um 8:30 Uhr frei, sorgen für schlechte Streamingergebnisse auf Netflix und vertreiben die Kinder sogar aus dem sonst so geliebten Internet .

Nur: Schülerinnen und Schüler können ebenso von Projektaufträgen “erschlagen” und überfordert werden. Ich erlebe, dass Kolleginnen und Kollegen Wochenaufgaben mit Projektcharakter aufgeben, es sollen Plakate erstellt, recherchiert, Videos oder Podcasts kreiert werden. Alles möglichst kreativ und natürlich selbständig. Und genau das verstärkt die Bildungsungerechtigkeit, weil solche Aufgaben nicht nur die Nutzung und Verfügbarkeit diverser Medien voraussetzen, sondern auch intensive Betreuung benötigen. Ich kenne allerdings Kinder, die weder über diese Ausstattung, noch über diese Betreuung verfügen. Sie müssen beispielsweise ihre Geschwister beaufsichtigen und den Haushalt schmeißen, weil die Eltern arbeiten müssen. Alleinerziehende Elternteile haben es da besonders schwer und kämpfen um Ihre wirtschaftliche Existenz.

Du schlägst vor, dass jetzt schwerpunktmäßig die Hauptfächer unterrichtet werden sollten. Das sehe und praktiziere ich in meiner Klasse auch so. Wenn du vorschlägst, dass Lehrkräfte, die keine Hauptfächer unterrichten, sich jetzt dem Projektlernen widmen und Schülerinnen und Schüler bei eigenen Projekten unterstützen, dann sehe ich dort folgende Probleme:

Selbst wenn diese Kolleginnen und Kollegen sich aktuell in das Projektlernen einarbeiten könnten, bleiben die von mir geschilderten Probleme auf Seiten der Lernenden bestehen.

Eine große Zahl an Lehrkräften muss eigene Kinder betreuen (Kindergartenalter) oder beschulen. Auch Dejan Mihajlovic gibt im Gespräch an, dass er für Fragen und Unterstützung immer für seine SuS da ist. Ich bezweifle, dass dies realistisch ist (siehe dazu sein eigener Tweet). Ich habe selbst ein Kind im Kindergartenalter und ein Schulkind (1. Klasse) und könnte das nicht leisten. Meine Tochter hat z. B. seit zwei Wochen die Aufgabe, ein Referat zu einem Tier ihrer Wahl vorzubereiten. Geschafft hat sie noch nichts, weil sie dafür nämlich eine 1:1-Betreuung braucht. Weder meine Frau noch ich können das gerade leisten. Gleiches höre ich aus meiner Nachbarschaft, ich denke, damit sind wir nicht allein.

Die Komplexität des Projektlernens wird mir auch zu sehr vereinfacht. Das kann man nicht eben mal schnell lernen. Projektlernen muss Eingang in das Studium und die Lehrerausbildung finden. Wer schon einmal projektorientiert gearbeitet hat, weiß, wie komplex das ist und dass es da viele Sackgassen gibt.

Du schreibst, dass Kinder in dieser Zeit viele Fragen haben und dass diese Raum finden müssten. Absolute Zustimmung! Verbunden mit (komplexen) Projekten? Nicht zwingend (aus den oben genannten Gründen). Ob sie ihre Fragen auf einem AB, in einer Audiodatei, einem kleinen Projekt oder auf welchem Weg auch immer loswerden, ist für mich zweitrangig. Entscheidend ist, dass sie dies selbständig erledigen können. Nur dann können wir für mehr Bildungsgerechtigkeit sorgen. Bezogen auf deinen Ausgangstweet “Man stößt ein Projekt an.” würde ich entgegnen: Man ermöglicht selbstständiges Lernen!

Das Beispiel deiner Kollegin zeigt doch vor allem, dass die Aufgabensteuerung nicht gut gelöst ist. Davon unabhängig ist doch die Art der Arbeitsaufträge. An meiner Schule haben wir vereinbart, dass die Klassenteams, zumindest in der Unterstufe, die Aufgabensteuerung übernehmen. Fachlehrerinnen und Fachlehrer geben mir Material und unser Klassenteam steuert, was davon an die SuS kommt. Und zwar täglich, um niemanden mit der Organisation von Wochenaufgaben zu überfordern. Was glaubst du, was ich da alles zurückhalte…

Um es deutlich zu sagen: Bestimmt gibt es Lehrerinnen und Lehrer, die Kinder mit Aufgaben überhäufen (egal welche Aufgabenart). Das ist überfordernd und muss sich ändern. Du weißt auch, dass ich projektorientiertes Arbeiten liebe und mich hier auf keinen Fall dagegen aussprechen möchte.

Ich glaube die aktuelle Zeit kann den Nährboden dafür bereiten, dass zukünftig projektorientierter in Schulen gearbeitet wird. Schüler müssen zwangsläufig selbstständiger arbeiten und Lehrerinnen und Lehrer überlegen, mit welchen Methoden und Arbeitsaufträgen das geschafft werden kann. Es wird viel probiert, viel auch wieder verworfen, einige Dinge bewähren sich – super!

Vielleicht möchtest du mir aber etwas entgegnen, bevor ich schreibe, wir aktuell mein Unterricht aussieht.

(TP) Ich stimme dir bei vielen deiner Aussagen zu. Vor allem, dass man SuS mit Projektlernen erschlagen kann. Es kommt hier auf das Maß und vor allem die Methodik an. Wenn ich sage, dass sich Lehrerinnen und Lehrer in der aktuellen Zeit mit Projektlernen beschäftigen sollen, dann impliziert das natürlich nicht, dass sie das große Projekt aufsetzen. Das ist verkürzt dargestellt. Lehrerinnen und Lehrer müssen kleinschrittig vorgehen. Projektlernen muss durch projektorientierte Elemente vorbereitet werden. Das alles an dieser Stelle auszuführen, wäre zu viel des Guten. Ich mache es an einem Beispiel fest, wie ich vorginge, um meinen Fachunterricht aktuell mit projektorientierten Methoden zu verbinden. Du kennst dieses Video hier, das zwischenzeitlich in allen Messenger-Gruppen verschickt wurde. Vorweggenommen: es hat zunächst einen hohen Realitätsbezug und die SuS können eine Beziehung zum Video herstellen. In der Sache ist es falsch! Als Einstieg, um den Aufbau von Viren und die Funktion der Seife und des Händewaschens zu behandeln, finde ich es unter den aktuellen Voraussetzungen sinnvoll. Vor allem, wenn man abschließend beurteilen und in den Kommentaren in YouTube darlegen kann, warum das Video inhaltlich falsch ist. Das kann problemorientiert/ problemlösend am Lerngegenstand behandelt werden und begleitet in meiner Rolle als Coach und Moderator. Es braucht einen fachlichen Input, ggf. didaktisiertes Material, das die Schüler verwenden. Das kann analog oder digital vorliegen. Am Lerngegenstand kann selbstständig und/ oder kollaborativ gearbeitet werden. Experimente, die mit eigenen Haushaltsmitteln durchzuführen sind, gehören dazu. Und das alles aus meiner Sicht fächerübergreifend im Bereich MINT, also im Zusammenschluss mit mehreren KuK. Die Nutzung digitaler Medien ist an dieser Stelle von Vorteil. Vielleicht machen die Schülerinnen und Schüler aber auch was ganz Eigenes aus dem Video.

Eine Kollegin erzählte mir kürzlich, dass sie mit ihrer Klasse Short Stories (Englischunterricht) behandelt. Aufgrund der Schulschließung schreiben die SuS die Geschichten über die aktuelle Corona-Zeit. (Nebenbei: Ihre Idee dazu war, dass sie aus der Zukunft schreiben – als Rückblick auf die heutige Zeit). Dafür ist, ohne das jetzt auszuführen, ein projektartiges Vorgehen notwendig in Bezug auf die Planung des Schreibens/ Inhalt/ Schrittigkeit etc. Die Schülerinnen und Schüler schreiben ihre Geschichten, wann sie möchten (oder wenn der PC endlich frei ist/ auch analog). Das gibt Freiraum in der Familie. Ich hatte ihr wattpad vorgestellt. Ich bin gespannt, ob wir die Geschichten dort bald nachlesen können.

Projektlernen in der Form, wie ich es hier beschrieben habe, ist schwieriger umzusetzen. Das muss gelernt sein. Einzelne Elemente kann ich empfehlen. Zum Beispiel der offene Anfang, den ich gewählt habe, um den SuS die Möglichkeit zu geben, eine Frage zu finden, die für sie Sinn macht. Aktuell beschäftigt natürlich das Thema Corona. Es ist allgegenwärtig. Fragt man die Schülerinnen und Schüler, was sie darüber denken, fühlen und was sie interessiert, dann kommen viele Ergebnisse. Mit den Fragen geht das Projektlernen los. Das hört sich einfach an, ist es aber nicht. Das habe ich selbst schon erfahren.

Im beschriebenen Projekt und in vielen weiteren, die ich mit meinen Klassen durchgeführt habe, habe ich immer versucht, externe Experten hinzuziehen. Diese Menschen sind einfach zu erreichen- auch mit analogem Telefon. Mittlerweile gibt es auch Institutionen, die bei der Vermittlung helfen.

Mir ist es wichtig zu erwähnen, dass für mich der Maximalstandard an technischer Ausstattung zur Umsetzung des Genannten das Smartphone ist. Ich gehe nicht davon aus, dass alle Schülerinnen und Schüler zu Hause einen PC oder ein Tablet haben. Wenn es um Projektergebnisse geht, lässt sich mit dem Smartphone vieles erstellen. Kollaboratives Arbeiten und Austauschen ist über einfache Tools möglich. Ich weiß aber, dass es z. B. bei deinen Schülerinnen und Schüler nicht immer der Standard ist.

Bei allem, was wir miteinander ausgetauscht haben, möchte ich für mich Folgendes festhalten:

Wir müssen genau schauen, welche Bedingungen wir bei den SuS vorfinden. Teilweise leben sie zusammen mit mehreren Brüdern und Schwestern auf engem Raum, minimaler technischer Ausstattung und evtl. mit schlechtem Handyempfang. Dann wird auch deutlich, dass es nicht den einen Weg geben kann. Du weißt, aus Sicht des Sonderpädagogen, wie du heute und morgen unter den Bedingungen mit deinen Schülerinnen und Schüler arbeiten kannst und musst. Ich bin mir sicher, dass du mit deiner Art und deinen Methoden viel bewegen kannst. Meine Sicht ist an dieser Stelle die eines Gymnasiallehrers. Und wir wissen beide, dass sich unsere Schulen stark unterscheiden.

Festhalten möchte ich auch, dass die eigene Situation der Lehrerin oder des Lehrers bewertet werden muss. Du hast schon geschildert, wie schwer die Situation ist und auch ich kenne Kolleginnen und Kollegen, die sich mehrteilen müssen, um den Tag zu durchstehen und dann auch nur die Hälfte zu schaffen. Bei mir zu Hause ist die Situation ähnlich mit zwei Kindern. Den Text hier schreibe ich abends ab 21:00 Uhr. Deswegen bin ich u. a. sehr für eine Reduktion der Stunden und für eine Kooperation unter den KuK, sodass Synergieeffekte erzielt werden.

Welche Ideen hast du für deinen Unterricht?

(MvA) Unsere Vorstellung von “gutem Unterricht” deckt sich tatsächlich weitestgehend. Die Bedingungen, die unseren Arbeitsalltag ausmachen, unterscheiden sich dagegen gravierend. Damit einhergehend auch die Bewertung, welche Dinge einfach umzusetzen sind. Für meine Schülerinne und Schüler ist es meist eine schier unüberwindbare Hürde eine Expertin bzw. einen Expertin (per Telefon) zu kontaktieren. Bei einem Telefonat kommt noch dazu, dass die Kinder zuhören/verstehen müssen und gleichzeitig Notizen anfertigen, damit die Gesprächsinhalte nicht verloren gehen. Für meine Schülerinnen und Schüler ist das eine enorme Anforderung, die viele nicht leisten können.

Wenn Schülerinnen und Schülerinnen bisher im Unterricht nicht an eigenen Fragen gearbeitet haben, können viele keine Fragen mehr stellen. Das ist natürlich traurig, aber schon hier kann projektorientiertes Arbeiten scheitern.

Der Einstieg über ein in der Sache falschen Video ist auch nicht unproblematisch. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass sich Falsches manifestiert, selbst wenn anschließend intensiv zum Thema gearbeitet wurde. Natürlich gilt das meist nicht für die leistungsstarken Schülerinnen und Schüler, ich habe aber die im Blick, denen das Lernen nicht so leicht fällt.

Nun aber dazu, wie ich unter den aktuellen Bedingungen Unterricht für meine 5. Klasse gestalte:

Bereits am letzten Wochenende der Ferien haben mein Teampartner und ich überlegt, wie wir unsere Klasse unterrichten könnten, falls eine Schulschließung nötig werden sollte. Wir haben dazu eine digitale Pinnwand (padlet.com) eingerichtet, über die Materialien verteilt wird und die schulische Kommunikation stattfindet. Wir haben uns für diesen Weg entschieden, weil die Kinder schon seit knapp einem Jahr in fast jeder meiner Unterrichtseinheiten in Deutsch mit einem Padlet arbeiten.

Um unsere Schülerinnen und Schüler bei der Strukturierung ihres Alltages im Fernunterricht zu unterstützen, geben wir keine Wochenaufgaben, sondern stellen in der ersten Spalte unserer digitalen Pinnwand die tagesaktuellen Aufgaben ein. In den Jahrgängen 5 und 6 koordinieren die Klassenteams die Aufgabensteuerung und damit können wir dafür sorgen, dass die Kinder nicht mit Aufgaben “überschüttet” werden. Seit dem ersten Tag der Schulschließung erstelle ich ein tägliches Begrüßungsvideo für unsere  5. Klasse. Im täglichen Begrüßungsvideo bespreche ich die Aufgaben des Tages, gebe Tipps und Hilfestellungen. Wenn die Aufgabenbearbeitung Tools erfordert, die den Schülerinnen und Schülern unbekannt sind, erkläre ich diese. Außerdem würdige ich Arbeitsergebnisse, die am Vortag von den Lernenden eingereicht wurden. Schließlich erzähle ich auch immer etwas aus meinem Alltag und frage die Schülerinnen und Schüler, was sie erlebt haben. Das können sie direkt auf unsere digitale Pinnwand, in unseren Klassenchat auf IServ oder per Mail schicken.

Bei den Aufgaben achten wir darauf, dass es einen guten Mix unterschiedlicher Aufgabentypen gibt.  Dabei bedenken wir, dass viele Kinder keine Möglichkeit haben, Arbeitsblätter auszudrucken. Wenn wir Arbeitsblätter einsetzen, können diese auch abgeschrieben werden, weil sie nur wenig Text beinhalten. Wenn es doch mehr Text auf einem Arbeitsblatt gibt, schicken wir einzelnen Schülerinnen und Schülern Materialpakete zu. Täglich gibt es auch Arbeitsaufträge, bei denen die Kinder kreativ werden können. Ich würde diese Aufgaben nicht einmal als “kleine Projekte” bezeichnen. Das kann eine Arbeitsplatz-Challenge, ein Bild während des Lesens, ein Kurzbericht über eine Entspannungsübung (Sozialpädagoginnen haben an unserer Schule ein Padlet mit Entspannungsübungen erstellt) oder die Zubereitung eines Smoothies sein.

Wir kontrollieren nicht alle Arbeitsergebnisse, sondern lassen immer zu ausgewählten Aufgaben Ergebnisse in gesonderten Spalten unseren Klassen-Padlets sammeln. Die Schülerinnen und Schüler kommentieren und einzelne Ergebnisse werden von ihnen bewertet (z. B. mit den Bewertungsfunktionen in padlet).

Wir setzen auch kollaborative Schreibdokumente wie Etherpads oder flinga.fi ein, um z. B. Kriterien für die Bewertung von Arbeitsergebnissen zu sammeln. Wir versuchen so auch im Fernunterricht unsere Projektwoche zum Thema “Gemeinsam Klasse sein” zu gestalten. Die Kinder arbeiten dazu in Kleingruppen in unterschiedlichen Etherpads und posten Arbeitsergebnisse auf unserem Klassen-Padlet. Das ist methodisch anspruchsvoll, aber die Schülerinnen und Schüler kennen die Tools und haben schon im Präsenzunterricht damit gearbeitet.

Trotzdem gibt es gerade bei diesen Aufgabenstellungen Schülerinnen und Schüler, die sich nicht beteiligen können, weil sie kein eigenes digitales Endgerät zur Verfügung haben. Das ist gerade schwer zu ertragen, weil wir diese Kinder damit faktisch ausschließen. Ich habe schon vor der Schulschließung für einzelne Eltern Anträge zur Finanzierung eines digitalen Endgerätes geschrieben, die alle vom Sozialamt abgelehnt wurden. Vielleicht findet dort zeitnah ein Umdenken statt.

(TP) Lieber Marcus, wir liegen auf der eine Seite sehr nah zusammen, wenn es um Unterricht unter optimalen Bedingungen geht. Wir liegen weiter auseinander, wenn wir die aktuelle Situation betrachten und die Möglichkeiten, die wir bei den Schülerinnen und Schüler und den Schulen vorfinden. Die eigene familiäre Situation ist ebenfalls entscheidend an dieser Stelle.

Wir brauchen m. E. weniger Verallgemeinerungen und #connymachtferien- Beispiele. Wir benötigen realistische Unterrichtsbeispiele, Erfahrungsberichte und Umsetzungsideen, wie Lernen unter Berücksichtigung der unterschiedlichen Bedingungen der Schülerinnen und Schüler und der Lehrerinnen und Lehrer ablaufen kann. Ich lese häufig, wie toll die Möglichkeit der Videokonferenz ist. Alle lieben es, sind pünktlich, mit großem Engagement dabei und erzählen sich auch noch Witze während der Konferenz. Es ist ein sehr auf die Technik fokussierter Blick und ich bezweifle, dass es der Realität entspricht.  Entscheidender ist aber doch, was vor, während und nach der Videokonferenz bei allen Beteiligten passiert(e). Das kommt mir oft zu kurz.

(MvA) Lieber Thorsten, da stimme ich Dir vollumfänglich zu. Pauschalurteile, Zynismus und das Negieren von Unterschieden hinsichtlich unterschiedlicher Schulformen helfen sonst und insbesondere jetzt niemandem. Was Kolleginnen und Kollegen in ihren Klassen erreichen, sollte niemand bewerten, der von außen auf die nackten Ergebnisse schaut. Ich lese gerne Beispiele aus Gymnasialunterricht (meist Oberstufe) und nutze sie für Inspiration und Weiterentwicklung. Diesen Maßstab kann ich aber nicht auf meinen Unterricht übertragen und muss eigene Lösungen finden. Die leuchten dann meist nicht so hell und sind wenig Hochglanzprojekt.

Ich danke Dir für das Gespräch zwischen tobenden Kindern und beruflichen Verpflichtungen im #homeoffice.

(TP) Ich danke dir auch!